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vergeigte und peinliche „diskussion“ zum veganismus in der jungle world

| 6 Kommentare

nach der eröffnung der diskussion zur „gefährlichen ideologie“ des veganismus, war ich ehrlich gesagt erschrocken, dass in der linken wochenzeitschrift „jungle world“ ohne tiefer gehende recherchen ein so wichtiges thema mit einer solchen menge an persönlichen ängsten und zentralen unwissenheiten angegangen wird. im kommentarteil zur diskussion schreibt thelfst, passend und zusammenfassend:

Schade das die von mir ansonsten sehr geschätzte Jungle diese Debatte so polemisch abbildet und nicht sachlich. Bitter, dass die Polemik auch noch so schlecht ist, das sie den Gegenstand ihrer Kritik nicht trifft. Warum das Ganze nicht etwas sachlicher? Die aktuelle Ausgabe der AK (Analyse & Kritik http://www.akweb.de/ ) macht es vor, wie es auch anders geht. Liebe Jungle, wenn ihr nur etwas rumdissen wollt, identitäre Abgrenzungen vollziehen und eigentlich gar nicht vorhabt, inhaltlich eure „Disco“ Seite zu gestalten, dann lasst es doch besser.

insgesamt wurden bisher drei artikel veröffentlicht, von denen zwei alles andere sind, als der angekündigte anfang einer gründlichen diskussion.

auch wenn von ivo bozic in der diskussion zu seinem „beitrag“ Menschlich bleiben die behauptung aufstellt, dass er sich

durch unzählige Internetseiten gequält, Bücher gelesen und mit vielen Veganern und Veganer-Verstehern diskutiert habe

fehlt mir eine tatsächliche auseinandersetzung mit dem von ihm thematisierten problem einer grenzziehung zwischen mensch und tier. vielmehr lobt er ausführlich den zoodirektor bernhard grzimek als einen großen tierschützer und tierliebhaber. und da ivo bozic zu seinem „Plädoyer für den Tierschutz und gegen politischen Veganismus und die Tierrechtsideologie“ nicht besseres einfällt, schreibt er über seine eigenen reflektierten und natürlich unpolitischen tierfreundlichen ernährungsgewohnheiten:

Effektiv haben sie [ALLE VEGANER_INNEN] damit kaum den Tod auch nur eines Tieres verhindert, denn das Ei, das sie nicht essen, isst eben jemand anderes, vielleicht sogar ich.

er behauptet die notwendigkeit von tierversuchen für die beseitigung der „HIV-Katastrophe Afrikas“ und in einem weiteren schritt seinen humanen denkens fordert er das „ordentliche“ steak für alle:

Allerdings sind es vor allem die aufholenden Länder, die den Welt-Fleischkonsum erhöhen, und wer will als Wohlstandseuropäer, der sich im Supermarkt jederzeit ein wohlschmeckendes vegetarisches Menü zusammenstellen kann, ausgerechnet den Menschen in den Entwicklungsländern das Recht absprechen, jetzt auch mal ein ordentliches Steak zu essen statt immer nur Reispampe?

durch die trennung die ivo bozic in seinem kopf zwischen tier und mensch immer deutlich herausarbeitet, verliert er den blick für die folgen, die sich durch sein plädoyer für einen konsequenten spziesismus ergeben. es wirkt doch absurd und inkonsequent, wenn in einem artikel auf die fatalen folgen für die globale ökologie hingewiesen wird und gleichzeitig eierverzehr und das essen von steaks propagiert werden. tierrecht und menschenrecht sollten und können zusammengedacht werden, gerade, wenn es zum beispiel um so ernsthafte fragen, wie der klimaveränderung und dem systematischen vernichten der meere durch übertriebenen fischfang geht.

hier hätte ich mir gewünscht, dass der autor sich etwas zeit für den start einer wichtigen auseinandersetzung gelassen hätte. lieber „lese“ und zahle ich ich zukunft eine absolut weiße jungle world seite zum selber ausfüllen, statt einen solchen diffarmierenden stuss vorzufinden:

Auch der konsequenteste Veganer tötet jeden Tag Hunderte, wenn nicht Tausende Tiere. Allein auf seinem Weg zum Bio-Markt zerquetscht er sie achtlos unter seiner Sohle. Konsequenterweise müssten nach der Logik der Tierrechtler aus­nahms­los alle Menschen und ebenso Tiere bestraft werden – oder man befände Mord allgemein für legitim.

Die Ideologie des Veganismus ist höchst gefährlich, vegetarisch zu leben nicht.

in der zweiten woche plädierte jesse-björn buckler in seinem beitrag „go vegan“ für einen linksradikalen veganismus. der autor entgegnet konsequent dem ersten beitrag:

Das Verwertungsdenken, das den Umgang der Menschen untereinander und mit den Tieren bestimmt, wird als transhistorisch und damit unveränderbar wahrgenommen. Eine Kritik daran erscheint geradezu naturwidrig. Auch Ivo Bozic kritisiert in seinem Artikel (Jungle World 37/08) nicht das repressive Mensch-Tier-Verhältnis. Ihm geht es nur um die Kritik an den Kritikern: »Wer heute jung ist und Tiere mag, gerät viel leichter (…) in eine Szene, die sich Tierrechtler oder Tierbefreier nennt. Bei Veganismus und Tierrechten geht es nicht um Tierschutz, sondern um Ideologie. Eine gefährliche Ideologie.« Das ganze funktioniert nach dem Schema: Pappkameraden aufbauen, Pappkameraden abschießen und dann Applaus ernten. Dem Kollegen purzeln daher auch so kuriose Polemiken durch den Text: »Auch der konsequenteste Veganer tötet jeden Tag Hunderte Tiere. Alleine auf seinem Weg zum Bio-Markt zerquetscht er sie achtlos unter seiner Sohle.«

Vegan zu leben bedeutet, sich nicht an der Gewalt zu beteiligen, die Tieren angetan wird, nicht den Auftrag zu geben, Tiere zu töten oder anderweitig von ihren Qualen zu profitieren. Das Argument der Veganer besteht in der größtmöglichen Minderung und schlichten Vermeidung von vermeidbarem Leiden.

jesse-björn bucklerweit streicht heraus

Einem reflektierten, linksradikalen – also politischen – Veganismus kann es nur um die gleichzeitige Befreiung von Mensch und Tier aus der Verwertungslogik gehen. Im Hinblick auf das Anfangs erwähnte Beispiel des Sexen bedeutet dies: Kein Tier soll mehr gesexed und verarbeitet werden, und kein Mensch soll mehr so einen elendig, stupiden Fließband-Sexer-Job machen müssen.

nach diesem beitrag legte sich mein entsetzen über den vergeigten start der auseinandersetzung in der von mir gern gelesenen zeitschrift. das hielt nicht lange an, denn ich verfolgte die diskussion in dieser woche weiter. jan gerber schießt mit seinem beitrag „All you can eat“ über das ziel eine kritische  diskussion führen zu wollen deutlich hinaus. polemisch und in unglaublicher weise, holt jan gerber den alten hilter war vegetarier mythos aus der untersten schublade seines denkens, um so zu beweisen, dass tierliebe mit menschenhass zusammenhängt:

Um den Zusammenhang von Tierliebe und Menschenhass weiter zu verdeutlichen, muss gar nicht notwendigerweise auf die vegetarische Ernährung Hitlers, seine Liebe zum Schäferhund Blondie oder die »Go-Vegan«-T-Shirts, mit denen deutsche Neonazis in jüngster Zeit so oft zu sehen sind, verwiesen werden. […]

Die Aufklärung sollte nicht mehr unter Reflexion auf ihre gegenläufigen Momente vollendet werden. Nicht mehr die Menschen sollten aus dem harten Griff der Verhältnisse befreit werden, sondern die Tiere aus ihren Käfigen, die Natur sogar von der menschlichen Zivilisation.

er fährt in diesem stil fort und weiß genau, dass vegane lebensweise nur „askese und triebunterdrückung“ sein kann. und er kann bereits von den folgen dieser unterdrückung berichten:

Wer es einmal gewagt hat, auf einem linken Sommercamp Steaks oder Bratwürste zu grillen, weiß, dass Tierrechtler mit den so genannten Aasfressern nicht gerade zimperlich umgehen. Zu­mindest einige von ihnen scheinen es kaum erwarten zu können, ihr beeindruckendes Wissen über Schlachtvarianten, Tötungsarten und Ausweidemethoden endlich auch einmal anzuwenden. Aber selbstverständlich nicht am Tier.

mir bleibt an dieser stelle der lektüre, der polemischen und peinlichen diskussion, nur noch nur ein kopfschütteln, ein mörderischer gang zu meinem biosupermarkt und die anwendung der „tötungsarten“ an meiner tomatenpflanze sowie ein verzweifelter schrei.

für eine selbstkritische, ernsthafte und tiefer gehende auseinandersetzung mit den themen antispeziesismus und „veganismus“ kann ich das antispe buchprojekt „mensch, macht, tier: antispeziesismus und herrschaft“ empfehlen. dieses gibt es gedruckt und auch zum freien download. die gedruckte version kostet etwas mehr als eine ausgabe der jungle world und bringt im gegensatz zur zurückliegenden diskussion auch etwas.

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noch besser fasst übrigens folgender kommentar von bratwurst² die bisherige diskussion in der jungle world zusammen:

veganer sind meschenfresser! dümmste „disko“ in der jungle world seit langem. schlecht recherchierte artikel, dümmliche phrasen, schwarz/weiß pauschalisierungen. bildredaktuere erklären veganerInnen! gäähn!

6 Kommentare

  1. Danke für die schöne Zusammenfassung. Ist schon beeindruckend wie unsensibel mit dem Thema umgegangen werden kann…

  2. Hier zeigt sich einer der Gründe, warum ich die Jungle World lieber nicht abonniert habe. Das war ja jetzt nicht das erste mal, dass dort so unreflektiertes vegan-bashing betrieben wird. Ich kann mich noch gut erinnern, wie in in dieser Zeitung mal versucht wurde, Veganismus als „strukturell und zwangsläufig antisemitisch“ darzustellen.
    Lieblingsmethode: Sich Teile der Tierrechtsbewegung rauspicken, in denen tatsächlich viel Mist vertreten wird, das dann zwar zu recht kritisieren, aber dann behaupten, das ziehe sich durch die gesamte Tierrechtsbewegung und träfe auf jede einzelne vegane Person zu.

  3. Pingback: gemeinsam feiern mit eragon - weltvegetariertag am 1. oktober « danilolablog

  4. Pingback: Veganismus & Antispe - eine gefährliche Ideologie? « counter hegemonie

  5. Ich muss zugeben, dass ich die Jungle nur sporadisch lese und deshalb wenig Vergleichsmöglichkeiten habe, aber ich fand der polemische Ausgangsartikel gehörte eher zu den interessanteren Artikeln während die Replik irgendwie kraftlos daherkam. Auf das zurecht vorgebrachte Kernargument, dass Antispeziesismus eine Relativierung des Humanismus mit sich zieht, wurde soweit ich mich erinnern kann, nicht eingegangen.

  6. @ jakob
    der beitrag in der letzten woche (http://jungle-world.com/artikel/2008/40/24554.html) hat ebenfalls versucht auf das argument einzugehen, dass du als „zurecht vorgebrachtes kernargument“ bezeichnest: „Antispeziesismus [sei] eine Relativierung des Humanismus“. ich kann dieser these nichts abgewinnen, da sie für mich bisher nicht schlüssig begründet wurde.

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